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Friday, July 3 • 16:00 - 17:00
Von der Dokumentation zur Fiktion …und wieder zurück

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Es kommt selten vor, dass ein Journalist und seine Recherche im Mittelpunkt eines Spielfilms stehen – und diese Recherche dann erst wieder Fahrt aufnimmt. Ulrich Chaussy wurde paradoxerweise zum Protagonisten des Films über das Oktoberfestattentat, als er kurz davor war, seine jahrelangen Recherchen deprimiert aufzugeben. Er hatte in vielen Hörfunkbeiträgen und schon  1985 in einem Buch mit vielen Fakten belegt, dass das Oktoberfest-Attentat 1980 nicht von einem Einzeltäter begangen sein konnte, sondern von einer – möglicherweise rechtsradikalen - Gruppe durchgeführt worden war. Aber seine Rechercheergebnisse waren immer wieder an der Bundesanwaltschaft abgeperlt, neue Ermittlungen wurden nicht aufgenommen.

In dieser wenig aussichtsreichen Situation schlug der Regisseur Daniel Harrich ihm vor, ihn bei den folgenden Recherchen mit der Kamera zu begleiten und gemeinsam mit ihm ein DokuDrama zu machen. Die dokumentarischen Aufnahmen von seinen Recherchen sollten durch Szenen ergänzt werden, in denen nachgestellt werden sollte, was mit Dokumentarmaterial nicht zu zeigen war. Aus dieser ursprünglichen Idee entwickelte sich schließlich ein reiner Spielfilm, zu dem Daniel Harrich und Ulrich Chaussy gemeinsam das Drehbuch verfassten. Für die Rolle Chaussys wurde Benno Fürmann gewonnen. Seine Rolle beim Drehbuchprozess hat Ulrich Chaussy bescheiden so beschrieben: darauf zu gucken, dass die Spielhandlung des Politthrillers seine Recherchen weitgehend authentisch spiegelte und die innere Wahrheit der Geschichte erhalten blieb.

Die eigentliche Überraschung erlebte Ulrich Chaussy nach dem Start des Films in den Kinos. 23 Jahre nach dem Attentat meldeten sich plötzlich neue Zeugen, Tatzeugen wie ehemalige Ermittler. Bei einer Vorführung des Films im bayrischen Landtag gelang Chaussy, was er 4 Jahre vorher schon einmal vergeblich versucht hatte: Den bayrischen Innenminister Herrmann zu der Zusage zu bewegen, die bis dahin streng geheimen Spurenakten des Falls für Rechtsanwalt Dietrich zur Einsicht frei zu geben, der als Nebenkläger von Opfern des Attentats seit Jahren mit Chaussy  zusammengearbeitet hatte. Einige der bis dahin unbekannten Dokumente stellten die These vom Einzeltäter weiter infrage und offenbarten Versäumnisse der damaligen Ermittlungen. Nach Einsicht in die Akten stellte Rechtsanwalt Dietrich zum dritten Mal einen Wiederaufnahmeantrag beim Generalbundesanwalt beim Bundesgerichtshof, diesmal erfolgreich: Im Dezember 2014 nahm Generalbundesanwalt Range nach den immer offenkundiger werdenden Pannen und sicher auch unter dem Eindruck des NSU-Debakels die Ermittlungen wieder auf.

Wie konnte mit einem Spielfilm auf dokumentarischer Grundlage dieser Erfolg erzielt werden, der rein dokumentarisch-journalistischen Arbeiten versagt geblieben war? Hinweise auf mögliche Mittäter gab es schon in seinem Buch von 1985 „Oktoberfest. Ein Attentat“ genug. Was löste 2014 die nicht mehr für möglich gehaltene Wende aus? Wie sieht Ulrich Chaussy seine Rolle heute, nachdem die Ermittlungen in Gang gekommen sind? 

Weiterführende Links

 Artikelsammlung zu Ulrich Chaussy auf foucs.de

Interview mit Ulrich Chaussy über "der blinde Fleck" auf gala.de 

"Schreckensbilder, die zweifeln lassen" (Beate Wild auf sz.de)

"Staatsversagen auf der Kinoleinwand" (Felix Benneckenstein auf zeit.de)

Interview mit Ulrich Chaussy über "der blinde Fleck" auf nordkurier.de

"Einer legt den Fall nicht zu den Akten" (Matthias Heinemann auf faz.de)

 


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Gert Monheim

ehem. WDR die story
Gert Monheim studierte in den 60er Jahren Deutsch, Geschichte und Politikwissenschaften an der Universität Köln und schloss das Studium mit dem Staatsexamen ab. 1971 begann er seine journalistische Karriere beim WDR. Nachdem er zunächst mehrere Jahre als Reporter für aktuelle Redaktionen gearbeitet hatte, wechselte er 1979 in die Hauptabteilung „Politik“ und realisierte eine ganze Reihe von gesellschaftkritischen... Read More →

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Ulrich Chaussy

freier Journalist
Ulrich Chaussy, 1952 geboren, Studium der Germanistik und Soziologie in München, begann als Schüler journalistisch zu arbeiten. Für die TV- Jugensendung „Bildstörung“ (1969- 1971 BR/ARD) gab es einen Rauschmiss beim BR und einen Adolf-Grimme Preis 1971. Wiederangeheuert beim BR Hörfunk ab 1976, Reporter und Moderator bei der Jugendsendung „Zündfunk“, später Wechsel in die Kulturredaktion... Read More →


Friday July 3, 2015 16:00 - 17:00
K7

Attendees (9)